Working Paper

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Ers­tes Working Paper | August 2018

Urba­ner Popu­lis­mus? Das Gefah­ren­po­ten­ti­al der Stadt­ent­wick­lung

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Ein­lei­tung
Rechts­po­pu­lis­mus wird häu­fig als pro­ble­ma­ti­sche Hal­tung von Modernisierungsverlierer*innen in länd­li­chen und deindus­tria­li­sier­ten Regio­nen beschrie­ben. Wäh­rend der Zuzug in die Städ­te anhält, blei­ben in den Dör­fern vor allem älte­re Men­schen und weni­ger gebil­de­te Män­ner zurück. Die abge­häng­ten Bevöl­ke­rungs­tei­le nei­gen die­ser Auf­fas­sung nach beson­ders häu­fig zu auto­ri­tä­ren Poli­tik­vor­stel­lun­gen und die Rech­ten sei­en die ein­zi­gen, die ihnen als ›Küm­me­rer‹ Auf­merk­sam­keit ent­ge­gen­brin­gen. Tat­säch­lich scheint ein Blick auf die geo­gra­phi­sche Ver­tei­lung der Stim­men­an­tei­le der Par­tei Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) die The­se zu bestä­ti­gen, dass es sich beim Rechts­po­pu­lis­mus (zur Pro­ble­ma­tik des Begriffs sie­he das ers­te Kapi­tel) um die »Rache der Dör­fer« han­delt (Kaschu­ba 2016). So erhielt die AfD bei der Bun­des­tags­wahl 2017 in den Städ­ten und Stadt­re­gio­nen weni­ger Zweit­stim­men als in den länd­li­chen Regio­nen. Es gibt aber auch Grün­de, den Stadt-Land-Unter­schied genau­er zu betrach­ten: wei­ter­le­sen

So lässt eine klein­räu­mi­ge Aus­wer­tung der Bun­des­tags­wahl 2017 erken­nen, dass die Wahl­er­geb­nis­se der Par­tei­en in den Stadt­re­gio­nen sehr unter­schied­lich sind (Abb. 2 und 3). Es zeich­net sich eine Dif­fe­renz zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie ab, wobei die Stim­men­an­tei­le der AfD in den Rand­ge­bie­ten, die über­dies nicht die ein­kom­mens­schwächs­ten sind, sich vom länd­li­chen Raum nur wenig unter­schei­den. Auch die Ein­stel­lungs­for­schung, die über die Erfas­sung des Wahl­ver­hal­tens hin­aus­geht, kommt zu ähn­li­chen, den schrof­fen Stadt-Land-Gegen­satz unter­lau­fen­den Ein­schät­zun­gen. Laut vor­lie­gen­der empi­ri­scher Stu­di­en »sind rechts­po­pu­lis­ti­sche, rechts­ex­tre­me und neu­rech­te Ein­stel­lun­gen auf dem Land zum Teil zwar signi­fi­kant stär­ker aus­ge­prägt, aber – das muss betont wer­den – der Unter­schied zwi­schen Stadt und Land ist dabei nicht sehr groß« (Küp­per 2017: 31). Grund genug, die Städ­te als Orte der Demo­kra­tie­kri­se und Labo­ra­to­ri­um für Gesell­schafts­ent­wür­fe der neu­en Rech­ten genau­er unter die Lupe zu neh­men. Auch in den Städ­ten, so soll im wei­te­ren Ver­lauf gezeigt wer­den, ver­dich­ten sich Kri­sen zu einem »popu­lis­ti­schen Moment« (so bereits Good­wyn 1978 in Hin­blick auf den ame­ri­ka­ni­schen Agrar­po­pu­lis­mus) oder hin­ter­las­sen eine »popu­lis­ti­sche Lücke« (so Flecker/Kirschenhofer 2007 in Hin­blick auf Umbrü­che in der Arbeits­welt). Die­ser Moment bezie­hungs­wei­se die­se Lücke wer­fen grund­sätz­li­che Fra­gen der poli­ti­schen und sozia­len Orga­ni­sie­rung des Zusam­men­le­bens auf. Ent­schei­dend ist, wie sich unter­schied­li­che poli­ti­sche Akteur*innen in sozi­al exklu­die­ren­der oder sozi­al inklu­die­ren­der Art auf die popu­lis­ti­schen Hal­tun­gen bezie­hen. Im vor­lie­gen­den Working Paper wer­den die­se Kri­sen und Kon­flik­te im städ­ti­schen Umfeld skiz­ziert und es wird beschrie­ben, inwie­fern sie eine Ermög­li­chungs­be­din­gung für die gegen­wär­ti­ge Wel­le des Rechts­po­pu­lis­mus dar­stel­len. Die Berei­che der Stadt­ent­wick­lung und Stadt­po­li­tik, die im zwei­ten Kapi­tel hin­sicht­lich rechts­po­pu­lis­ti­scher Deu­tungs­mög­lich­kei­ten genau­er betrach­tet wer­den, sind die Woh­nungs­po­li­tik, die Bürger*innenbeteiligung im Kon­text städ­te­bau­li­cher Pro­jek­te, die kom­mu­na­le Sicher­heits­po­li­tik sowie die Migra­ti­ons­po­li­tik. Im Kon­text die­ser The­men­fel­der sind Mikro­kon­flik­te (also lokal begrenz­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen) zu beob­ach­ten, wie im drit­ten Kapi­tel anhand je eines Falls aus Leip­zig und Stutt­gart skiz­ziert wird. Wäh­rend sich die­ses ers­te Working Paper damit befasst, ob und inwie­fern bestimm­te Ten­den­zen der Stadt­ent­wick­lung dem rech­ten Popu­lis­mus unge­wollt zuar­bei­ten, wird ein wei­te­res die kon­kre­ten Ver­su­che ana­ly­sie­ren, die popu­lis­ti­sche Lücke von rechts zu beset­zen.

Autor*innen
Dr. Peter Besche­rer | Dr. Robert Feus­tel | Lau­ra Schelenz | Dr. Luzia Sie­vi